ANTI HUMAN UNFAIRNESS || ANTI AMERIKANISCH || ANTI ISRAELISCH || PRO MENSCHENRECHTE || PRO HUMAN FAIRNESS

Donnerstag, 2. Juli 2009

Schuld und Sühne

Schuld und Sühne

Die Gier lebt weiter: Weltweit verteilen die Banken Milliarden an Boni, obwohl sie gigantische
Verluste erwirtschaften und auf die Hilfe des Staates angewiesen sind.
Dabei war es gerade dieses System der Selbstbedienung, das die Finanzkrise mitverursacht hat.


Er war weit weg, irgendwo auf einer
Yacht in der Karibik erholte er sich
von den Strapazen des vergangenen
Jahres, als die Banken fast kollabierten und
seine Welt zusammenbrach – die Welt des
Investmentbankers Stefan Jentzsch.
Zu Hause holt ihn inzwischen die Vergangenheit
ein, fast täglich steht sein Name
in den Zeitungen. Jentzsch, 48, ist plötzlich
eine Berühmtheit geworden – als der
Mann, der noch Millionen kassiert, nachdem
seine Bank Milliarden verlor, der verantwortlich
ist für Bonuszahlungen in
Höhe von 400 Millionen Euro, die nun
vom Steuerzahler zu tragen sind.
Stefan Jentzsch war Chef der Investmentbank
Dresdner Kleinwort, die nie
sonderlich erfolgreich und im vergangenen
Jahr besonders erfolglos war. In den ersten
neun Monaten des vergangenen Jahres erwirtschaftete
sie einen Verlust von 2,2 Milliarden
Euro, und für das Gesamtjahr liegt
er noch erheblich höher, weil sich der Niedergang
im vierten Quartal beschleunigte.
Die ganze Dresdner Bank geriet in Not,
sie wurde von der Commerzbank geschluckt,
die selbst wiederum in Schwierigkeiten
geriet und gleich zweimal vom
Staat gestützt werden musste.

Jentzsch hatte da schon Abschied und eine Abfindung in Höhe von rund acht Millionen Euro mitgenommen, sie stand ihm zu, rechtlich war alles einwandfrei. Auch auf einen Bonus in unbekannter Höhe hat er einen Anspruch, aber er will ihn gar nicht haben, lässt er verbreiten,
jetzt, da er eine Berühmtheit ist. Bonuszahlungen in Höhe von 400 Millionen Euro hat der damalige Eigentümer von Dresdner Kleinwort, der Versicherungskonzern Allianz, seinen Investmentbankern für 2008 garantiert, dafür sorgte Jentzsch, als er noch Chef dieser Truppe
war. Die Prämien sind nun fällig, obwohl die Commerzbank inzwischen zu 25 Prozent dem Staat gehört und obwohl der Staat 18,2 Milliarden in die Bank pumpen musste. Und wer weiß, ob das auf Dauer reicht. Und so gibt Jentzsch der öffentlichen Empörung ein Gesicht: der Wut über die
Banker, die Billionen vernichteten, die Weltwirtschaft ruinierten, aber selbst ausgesorgt
haben. Die den Schaden der Allgemeinheit vor die Tür kippen, aber selbst keinen Beitrag leisten – und am Ende auch noch dem Staat in die Kasse greifen. Es gibt viele solche Gesichter in diesen
Tagen, überall auf der Welt, jedes Land hat seine eigenen, überall macht sich Wut breit
und ohnmächtiger Zorn. Vor allem die Bonuszahlungen erregen die Bürger, sie sind
zwar klein, gemessen am Gesamtschaden, den die Investmentbanker verursachten und
der in die Billionen geht. Sie sind aber auch typisch für die Gier und die Schamlosigkeit
einer Zunft, die einmal zur Elite zählte. „Das Gemeinwohl lebt von einer gewissen
Mäßigung des Einzelnen“, mahnt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, CDU, „solche Exzesse sind Ausdruck einer verlorenen Bodenhaftung und gefährden den Grundkonsens dieser Gesellschaft.“ SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sieht das genauso: „Der Realitätsverlust und der Zynismus mancher Führungskräfte in der Wirtschaft erschüttern mich
immer wieder. Führungskräfte sind Vorbilder – im Guten wie im Schlechten.“ Selten war die öffentliche Empörung so einhellig, sie reicht vom Bürger auf der Straße bis ins Kabinett, von Bundeskanzlerin Angela Merkel bis zu US-Präsident Barack Obama. „Es ist unverständlich, dass Banken, denen der Staat unter die Arme greift, in vielen Fällen gleichzeitig riesige Bonussummen
auszahlen“, sagt Kanzlerin Merkel. Das werde auch Thema in London Anfang April beim G-20-Treffen sein. „Insgesamt muss das Bonussystem international klarer an den wirklich nachhaltigen Erfolg der Arbeit der Banken gekoppelt werden.“ Das Thema Boni beflügelt die Diskussion über Managergehälter und Abfindungen, das die Politiker der Großen Koalition
seit langem umtreibt. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die netto rund
8000 Euro verdient und als Tochter eines Drogeriebesitzers eher dem unternehmerfreundlichen
Flügel der SPD zuneigt, vermisst bei den wirtschaftlichen Eliten „soziale Verantwortung“ und das „Bewusstsein eines ehrbaren Kaufmanns“. Die Ministerin wundert sich, „wie es sein kann, dass die Boni quasi als Bestandteil des Festgehalts vergütet und selbst dann verdient werden, wenn das Unternehmen am Abgrund steht“. Seit Wochen reist ihr Kabinettskollege Olaf Scholz durch die Republik und wirbt bei den Unternehmen dafür, trotz Krise und Auftragseinbrüchen die Belegschaften zu halten. Dem Arbeitsminister fehlt jedes Verständnis für die Gier: „Wo Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit verkürzen und auf Lohn verzichten, können nicht freigiebig
Boni gezahlt werden.“ Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sieht in den Bonuszahlungen einen der Auslöser der Finanzkrise. „Wenn Bankkunden Verluste hinnehmen müssen, dürfen
die dafür Verantwortlichen nicht belohnt werden“, sagt die CSU-Frau. So einig war sich die Große Koalition selten: Die Banker haben inzwischen jeden Kredit verspielt. Bankster – so wird der Berufsstand inzwischen verballhornt, als eine Art Gangster in Nadelstreifen. Früher
nannte man sie Bankiers, sie waren die Vornehmsten unter den Größen der Wirtschaft,
dann wurden sie Banker, das klang moderner, und mit der Berufsbezeichnung wandelte
sich auch das Selbstverständnis, es orientierte sich an angloamerikanischen Vorbildern, an den Größen der Wall Street. Die Rendite stand nun im Mittelpunkt der Überlegungen, nicht die Kreditversorgung der Wirtschaft, und mit den Renditen stiegen auch die Risiken, deren Vermeidung im Zeitalter der Bankiers die vornehmste Aufgabe der Zunft war. Im Zeitalter der Investmentbanker konnten die Risiken nicht groß genug sein, sie schienen beherrschbar dank ausgefeilter Produkte und mathematischer Modelle, deren Komplexität Sicherheit jedoch nur
vorgaukelte. Aber hat wirklich nie einer innegehalten und sich gefragt, ob diese schöne neue
Welt ohne Risiken wahr sein kann? Oder wurden solche Fragen nur verdrängt, weil
eine ehrliche Antwort den eigenen Lebensstil gefährdet hätte? Denn von dem System haben lange Zeit alle profitiert; die kleinen Anleger und die großen Investoren, vor allem aber die In


Die Werte, die sie schufen, waren
nur vorgegaukelt.




vestmentbanker selbst, die sich dank der immer absurderen Gehalts- und Bonisysteme 50 Prozent aller Gewinne in die eigene Tasche wirtschafteten, viele Milliarden insgesamt. Was als durchaus sinnvolle Erfolgsbeteiligung begonnen hatte, entwickelte sich immer mehr zu einem System hemmungsloser Selbstbedienung. Als Henry Paulson, der Chef der Investmentbank
Goldman Sachs, im Juni 2006 zurücktrat, um als Finanzminister in den Dienst der S-Regierung zu treten, bekam er nicht nur einen dicken Bonus,


18,7 Millionen Dollar, er durfte auch noch
seine angesammelten Goldman-Aktien im
Wert von 480 Millionen Dollar vorzeitig
verkaufen.
Eine halbe Milliarde Dollar, für einen
Menschen, verdient in ein paar Jahren:
Welche Arbeit kann so viel wert sein?
Keine, nicht einmal eine ehrliche. Das
Treiben der Investmentbanker aber hatte
mit ehrlicher Arbeit nichts zu tun, denn
die Werte, die sie schufen, waren nur vorgegaukelt,
sie waren erkauft mit Risiken,
die, als sie fällig wurden, das
ganze System zum Einsturz
brachten.
Es ist eine Ironie der Geschichte,
dass es Henry
„Hank“ Paulson war, der als Finanzminister
der USA ausbaden musste, was sein eigener
Berufsstand angerichtet hatte. Mit
der Pleite von Lehman Brothers kam eine
Investmentbank nach der anderen ins
Wanken, sie mussten sich in Fusionen
flüchten oder ihr Geschäftsmodell ändern
und Staatsgeld akzeptieren.
700 Milliarden Dollar mobilisierte Paulson,
um das Schlimmste zu verhindern,
aber das reicht noch immer nicht. Zwei
Billionen Dollar will sein Nachfolger Timothy
Geithner noch einmal in das marode
Finanzsystem investieren, Geld, das der Staat nicht hat (siehe Seite 102). Ob das hilft, um den ökonomischen Zusammenbruch des Landes und der Weltwirtschaft zu verhindern, weiß niemand. Und keiner kann sagen, wie der Staat die Schulden, die er jetzt aufnehmen muss, je wieder abtragen kann. In Großbritannien und in Deutschland ist es nicht viel anders, die Regierungen verabschieden Rettungspakete in unvorstellbarem Ausmaß, sie beteiligen sich an Banken, sie verstaatlichen sie mehr oder weniger. Die Koalition in Berlin denkt sogar über
ein Enteignungsgesetz nach. Es geht um die Hypo Real Estate, die immer neue Staatsgarantien und -hilfen braucht, 102 Milliarden Euro hat sie davon bereits erhalten (siehe Kasten Seite 64).
Selbst wenn die Regierungen das Schlimmste verhindern und die Banken stabilisieren können: Die Weltwirtschaft steckt in ihrer größten Krise seit der Depression in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und das alles ist die Folge eines Systems, das Investmentbanker
erfunden haben und von dem sie selbst am meisten profitierten. Doch von eigener Schuld wollen sie nichts wissen und von Sühne schon gar nicht. Dass sie ihre Boni eigentlich zurückzahlen müssten, weil sie auf Scheinerfolgen basieren, kommt nur den wenigsten in den Sinn – obwohl viele Banken ohne staatliche Hilfe pleitegegangen wären. Bereits im November vergangenen Jahres hatte sich Bundespräsident Horst Köhler die Finanzmanager vorgeknöpft. In einer Rede auf dem European Banking





Congress in Frankfurt am Main forderte er die versammelte Bankenprominenz auf, sie möge doch auf ihre Boni verzichten und diese stattdessen dazu nutzen, um Härtefälle der Krise aufzufangen. „Diejenigen aus Ihrer Branche, die durch die Entwicklung der vergangenen
Jahre viel Geld gemacht haben, könnten durch einen eigenen Beitrag in einen Fonds ein besonderes Zeichen der Solidarität setzen“, sagte Köhler damals. Vergangene Woche erinnerte er nochmals an seinen Vorschlag und wies enttäuscht darauf hin, dass kein einziger Bankenmanager auf die Idee eingegangen sei. Dafür gibt es etliche, die sich mit allen
Mitteln gegen einen solchen Beitrag sperren. Die Mittelstandsbank IKB war im Sommer
2007 als erste deutsche Bank im Finanzsturm umgekippt. Die Provinzbanker hatten sich am US-Hypothekenmarkt verzockt und konnten nur mit Hilfe eines Rettungspakets von Banken und dem Staat am Leben erhalten werden. Danach musste beinahe der gesamte Vorstand gehen. Die neue Führung ließ die Bilanz für die kritische Zeit 2006/07 frischrechnen. Unterm
Strich stand nun plötzlich ein viel schlechteres Ergebnis. Eine Rückforderung der bereits gezahlten Boni war die logische Folge. Doch der damalige Vorstandschef Stefan Ortseifen klagt gegen seine Entlassung und weigert sich, Erfolgstantiemen von 805 000 Euro zurückzuerstatten. Auch sein ehemaliger Vorstandskollege Joachim Neupel will auf eine
Prämie von 451 000 Euro, die von seiner Pension abgezogen werden soll, nicht verzichten.
Das Landgericht Düsseldorf gab Neupel in erster Instanz recht. Während sich Neupel und Ortseifen wehren, zeigen sich andere Ex-Kollegen einsichtiger. Volker Doberanzke und Markus
Guthoff zahlten Ende vergangenen Jahres je rund 500 000 Euro – natürlich ohne Anerkennung irgendeiner Schuld. In der Schweiz gab der frühere UBSChef Peter Wuffli immerhin acht Millionen Euro zurück, Ende November verzichteten Ex-UBS-Präsident Marcel Ospel
und zwei weitere Top-Leute auf Zahlungen von 22 Millionen Euro. Aber was ist das im Vergleich zu den Summen, die diese Banker im Lauf ihrer Karriere verdienten? Und zu dem gigantischen
Verlust von über zwölf Milliarden Euro, den die Bank im vergangenen Jahr erzielte? Auch in der Schweiz musste der Staat einspringen. Und doch zahlt die Bank zum Entsetzen der Bürger und Politiker für 2008 Boni in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. „Man kann nur verteilen, was man verdient hat“, sagt dagegen Martin Blessing, der Chef der teilstaatlichen Commerzbank.
„Unternehmen, die Verluste machen, haben keinen Bonus zu verteilen.“
Ein Bonus, so Blessing in der vergangenen Woche vor Mittelständlern, sei „eine Zusatzzahlung, die zuerst vom wirtschaftlichen Gesamterfolg des Unternehmens und dann von der persönlichen Leistung abhängt. Und zwar in genau dieser Reihenfolge.“ Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Vor allem nicht in Blessings Fall: Die 5500 Investmentbanker der Dresdner
Kleinwort haben eine Zusage ihres alten Arbeitgebers, sie warten jetzt auf ihren letzten großen Zahltag. Dass die Commerzbank, auch auf Druck der Bundesregierung, noch einmal jeden
Vertrag prüft, finden die Investmentbanker der Dresdner Bank gar nicht lustig. „Die
Allianz hat uns einen Bonuspool versprochen. Das wurde beim Verkaufspreis der
Dresdner Bank einkalkuliert“, sagt einer ihrer hochrangigen Manager. Er rechnet persönlich mit einem Bonus in Millionenhöhe, weil es in seinem Geschäftsbereich gar nicht so schlecht lief.
Andernfalls will der Investmentbanker klagen. Auch seine Kollegen sind bereits auf
den Barrikaden. Er erwartet „Hunderte von Prozessen“ vor den Arbeitsgerichten. Die meisten Investmentbanker haben nicht mehr viel zu verlieren. 88 der 90 Aktienanalysten
in London, so ein Personalberater, erhielten vergangene Woche die Kündigung. Insgesamt 1300 Stellen will die Commerzbank beim Investmentbanking der Dresdner streichen. Die Brutalität des Geschäfts nehmen die Banker achselzuckend zur Kenntnis. Doch der Sold muss stimmen. Selbst die bereits Entlassenen warten noch auf den Bonusbrief. In dem stehen meist nur ein Satz und eine nackte Zahl. Bei der Deutschen Bank sind die Briefe großteils schon verteilt. Es ist jedes Jahr das gleiche Ritual. Der Abteilungsleiter ruft jeden Händler einzeln in seinen kleinen
Glaskasten neben dem Handelsraum und überreicht einen Umschlag. Wer keinen Bonus
bekommt, weiß im Grunde, dass er sich einen anderen Arbeitsplatz suchen muss.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen